Die Geduld der 60er-Kinder: Was ist verloren gegangen?
In einer Welt voller Ablenkungen fragen wir uns, ob wir unseren Kindern die Geduld abtrainiert haben. Ein Blick zurück auf die 60er zeigt, was damals anders war.
BREMEN, 23. Juni 2026 — Eigener Bericht
Ich sitze auf einer Bank im Park, umgeben von spielenden Kindern. Sie rennen, schreien, lachen und wechseln in Sekunden die Aktivitäten. Es macht Spaß, ihnen zuzusehen, doch ich kann nicht umhin, darüber nachzudenken, wie oft ich Worte wie „warte“ oder „sei geduldig“ höre. Haben wir unseren Kindern die Geduld abtrainiert?
Wenn ich an meine Kindheit in den 60ern zurückdenke, war Geduld eine Tugend, die wir selbstverständlich hatten. Ich erinnere mich an lange Sommertage, die ich mit Freunden im Freien verbracht habe. Wir hätten nie daran gedacht, ständig an unsere Handys zu schauen oder uns von Bildschirmen ablenken zu lassen. Wir waren kreativ, erfinderisch und, ja, geduldig.
Vielleicht gibt es drei Dinge, die wir als Kinder damals besser konnten und die wir unseren Kindern heute wieder beibringen sollten. Zuerst ist da das Warten. Bei uns war es normal, auf den Bus zu warten oder in einer Schlange für das Freibad zu stehen. Es gab kein ständiges Rufen nach Ablenkung. Ich kann mich erinnern, dass wir unsere Zeit auf verschiedene Weise genutzt haben: Wir haben mit Steinen gespielt, uns Geschichten erzählt oder einfach nur die Wolken beobachtet. Diese Einfachheit hat uns oft gelehrt, dass Warten auch einen Zweck hat. Es ist eine Zeit des Nachdenkens, der Kreativität.
Das zweite, was mir einfällt, ist die Fähigkeit, sich selbst zu beschäftigen. Wenn ich an meine Nachmittage zurückdenke, habe ich keinen Computer oder eine Spielekonsole gebraucht. Stattdessen habe ich mir oft allein Spiele erfunden. Ich baute Forts aus alten Kissen und Decken oder erfand Geschichten mit meinen Actionfiguren. Ich war gezwungen, meine eigene Fantasie zu nutzen. Heute sehe ich viele Kinder, die keine Zeit haben, sich selbst zu beschäftigen, weil sie immer mit etwas anderem unterhalten werden. Ein kurzer Blick auf das Handy oder das Tablet und schon sind sie wieder beschäftigt. Es ist, als ob sie das Bedürfnis verloren haben, sich selbst zu finden.
Und dann ist da noch die Geduld, die mit dem Lernen einhergeht. Ich erinnere mich an die Stunden, die ich dafür verwendet habe, das Fahrradfahren zu lernen. Es gab Stürze und Rückschläge, aber ich habe es immer wieder versucht. Heute, mit den Maschinen und Hilfen, die das Lernen so viel einfacher machen, scheint es manchmal, als ob wir unseren Kindern nicht mehr zutrauen, etwas selbst zu lernen. Wir stehen ihnen zur Seite, um sicherzustellen, dass sie nicht scheitern, und verlieren dadurch die Möglichkeit für wertvolle Lektionen über Geduld und Durchhaltevermögen.
Man könnte sagen, wir leben in einer schnelllebigen Welt, in der alles sofort verfügbar ist. Aber in diesem Tempo könnten wir uns selbst und unseren Kindern etwas Wichtiges entziehen: die Fähigkeit, Geduld zu üben. Geduld ist nicht nur eine Eigenschaft – sie ist eine Lebenskompetenz. Was würde unsere Welt sein, wenn wir die nächsten Generationen dazu ermutigen könnten, sich die Zeit zu nehmen, kreativ zu sein und Herausforderungen anzunehmen?
Ich frage mich oft, wie wir das erreichen können. Vielleicht bedeutet es, bewusst digitale Pausen einzulegen und unsere Kinder dazu zu ermutigen, alte Spiele zu erfinden oder einfache Dinge zu tun. Es könnte auch bedeuten, dass wir weniger eingreifen, wenn sie mit schwierigen Aufgaben kämpfen. Statt sofort zu helfen, sollten wir sie ermutigen, es selbst zu versuchen und die Erfahrung zu machen.
Das nächste Mal, wenn du Zeit mit deinen Kindern verbringst, schau dir die Momente an, in denen sie warten oder suchen müssen. Du könntest überrascht sein, wie viel sie daraus lernen können. Vielleicht ist es an der Zeit, gemeinsam die Geduld zurückzuerobern – denn wie wir alle wissen, ist das Warten oft der Beginn von etwas Wundervollem.
Also, lass uns gemeinsam daran arbeiten, dass unsere Kinder die Geduld entwickeln, die sie brauchen, um das Leben in all seinen Facetten zu genießen, und lernen, dass nicht alles sofort kommen muss.